Toni Traschitzker:

Als die Tiere lesen durften

Gott wollte den Menschen etwas Besonderes schenken. Also machte er es möglich, dass sie das Lesen und Schreiben lernen konnten. Dadurch wurden sie klüger; und je mehr sie lasen, umso gescheiter wurden sie. Sie erfanden viele Maschinen und Apparate, die ihnen die Arbeit abnahmen. Bald hatten es die Menschen leichter, und sie ließen sich’s gut gehen. Aber mit der Zeit wurden sie bequem und immer bequemer, und schließlich waren sie sogar zum Lesen zu faul. Da beschloss Gott, dass von nun an die Tiere lesen lernen sollten — wenn sie es wollten.

Die Tiere durften also das Lesen lernen! Ihr König, der Löwe, lehnte aber gleich ab und fragte: "Wie? Lernen soll ich? Ich habe keine Zeit, ich muss ja die Tiere regieren!"

Der Adler behauptete stolz: "Wenn einer so meisterhaft fliegen kann wie ich, dann muss er sonst nichts mehr können."

"Ja, ja, bei mir ist’s ähnlich", stimmte ihm der Tiger bei. "Ich bin stark und schnell — mehr habe ich nicht nötig."

Die Gämsen und die Bergziegen sagten ängstlich, das Lesen sei in dem steilen Gelände, wo sie wohnten, viel zu gefährlich. Da könnte man abstürzen! Die Eule hingegen meinte, sie würde das Lesen eigentlich gern lernen; aber nachts könne man nicht einmal einen Buchstaben erkennen, und tagsüber müsse sie ja schlafen.

Auch die Meerestiere hatten allerlei Bedenken. Sie wandten ein, dass sich im Wasser jedes Buch und überhaupt jedes beschriebene Blatt Papier gleich auflösen würde. Außerdem sei es in größeren Tiefen viel zu finster zum Lesen.

"Wie sollen wir das Lesen schaffen?", fragten die Ameisen. "Allein zum Umblättern einer einzigen Buchseite brauchen wir mindestens fünfhundert Mann! — Nein, nein, wir haben schon genug zu schuften!"

Vielerlei Ausreden hatten sie alle — aber halt: Einen gab’s, der gleich erklärte, er wolle es mit dem Lesen versuchen. Die anderen Tiere lachten ihn aus, denn er war ein unscheinbarer Wurm. Doch er ließ sich nicht einschüchtern, und bald war für ihn das Lesen genauso wichtig wie das Fressen. Den "Bücherwurm" nannten ihn jetzt alle. Er war ein langsamer Leser, aber dafür sehr gründlich. Wenn er etwas gelesen hatte, konnte man ihn danach fragen, was man wollte — er hatte nichts vergessen!

Die Ratte gehörte nicht gerade zu den gescheitesten Tieren. Aber sie sagte sich: "Was der kleine Bücherwurm kann, das schaffe ich ebenso." Also lernte auch die Ratte das Lesen. Bald konnte sie es zehnmal so schnell wie der Bücherwurm! Zwar wusste sie danach nicht mehr alles so genau wie er, doch die anderen Tiere bewunderten sie und meinten, sie sei "eine richtige Leseratte".

Nach kurzer Zeit zählten Bücherwurm und Leseratte zu den klügsten Tieren. Einer ärgerte sich darüber: der Fuchs. "Na so was!", schimpfte er. "Bisher hat es immer geheißen, ich sei das gescheiteste Tier! Jetzt sollen das auf einmal Wurm und Ratte sein. Hoho, das wird sich ändern!"

Er fing also an, lesen zu lernen. Hu, das war gar nicht so leicht, wie er sich das vorgestellt hatte! Da gab’s ja Buchstaben, die einander zum Verwechseln ähnlich sahen! Und weil der Fuchs beim Lesen besonders schnell sein wollte, verlas er sich anfangs immer wieder. Zum Beispiel las er einmal:

„Die Eule ist in Eule."

Nanu, was sollte das heißen? — Ach so, da stand ja:

„Die Eule ist in Eile."

Hastig las der Fuchs weiter:

"Sie will noch schnell im Buch baden,

bevor der Mund aufgeht."

Hoppla! Wie kann man in einem Buch baden? Und was für ein Mund sollte aufgehen? — Ach, da stand ja etwas anderes:

"Sie will noch schnell im Bach baden,

bevor der Mond aufgeht."

Der Fuchs stöhnte und schwitzte beim Lesenlernen. Doch er gab nicht auf! Nach einiger Zeit konnte er genauso flott lesen wie die Leseratte. Im Gegensatz zu ihr wusste er danach noch alles, was er gelesen hatte. Da staunten die anderen Tiere! Er war schnell wie die Leseratte und gründlich wie der Bücherwurm!

Die Tiere gaben ihm einen neuen Ehrennamen. Bisher hatten sie zu ihm immer "der leise Fuchs" gesagt, weil er sich so geschickt anschleichen konnte. Nun aber wurde "der leise Fuchs" zum "Lesefuchs"! Bald bewunderten alle Geschöpfe der Erde seine Klugheit. Es dauerte nicht lange, bis es Menschen gab, die so gescheit wie er werden wollten. Aber sie hatten das Lesen längst verlernt und mussten damit wieder von vorn anfangen. Diejenigen, die sich genauso anstrengten wie der Fuchs, die schafften es. Voll Bewunderung nannte man sie "Lesefüchse", obwohl sie in Wirklichkeit Menschen waren.

Und wie ist das mit euch? Wollt ihr auch „Lesefüchse" werden?

Ó by Toni Traschitzker

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