Toni Traschitzker
Wie ich den großen Tyrannen besiegt habe
Bericht
von Stanislaus Meierlein
Sein Volk lebte in
Armut, aber es jubelte ihm stets zu, obwohl er selbst in prächtigen Palästen
wohnte. Alle Großmächte der Erde hatte er trotz ihrer Waffenmacht an der Nase
herumgeführt. Da beschloss ich: Geh hin und mach den Kerl endlich unschädlich.
Als mich seine Wächter
vor dem großen Palasttor anhielten, sagte ich ihnen, sie mögen doch so gut
sein und mich vorbeilassen, ich sei gekommen, um den großen Tyrannen zu
beseitigen. Da sie in ihrer ersten Verblüffung nichts erwiderten, bat ich den
einen von ihnen höflich, ob er mir eine Waffe leihen könne, ich hätte nämlich
in der Eile meine Keule zu Hause vergessen. Da schüttelten sich die Herren Wächter
vor Lachen, und einer von ihnen fiel mir vor Freude und Dankbarkeit um den Hals,
weil er, wie er freimütig zugab, schon seit Jahrzehnten nicht mehr so herzhaft
gelacht hatte. Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter, brachte mich
sogleich persönlich zum Tyrannen und meldete mit verzweifeltem Bemühen, das
Lachen zu unterdrücken, dass ich eigens gekommen sei, um den Tyrannen mit einer
Keule zu beseitigen, die ich leider zu Hause vergessen hätte. Der Tyrann,
dem das Grinsen im Gesicht seines Dieners nicht entgangen war, hielt das Ganze
offenbar für einen Scherz und sagte, er wäre mir bei meinem Mordversuch mit
Vergnügen behilflich; es sei aber in seinem Land, das trotz Armut über die
modernsten Waffen verfüge, unendlich schwierig, eine altmodische Keule
aufzutreiben. Darauf erwiderte ich, einem mächtigen Herrscher wie ihm dürfe es
doch nicht schwer fallen, raschest einen geschickten Handwerksmeister ausfindig
zu machen, der in Windeseile eine geeignete Keule herstellen könne. Eitel wie
alle Tyrannen der Welt, entließ er seinen Wächter mit dem Befehl, unverzüglich
für die Anfertigung der Mordwaffe zu sorgen. Man möge vor allem auch darauf
achten, das genaue Datum sowie Namen von Täter und Opfer ins Holz einzuritzen
wobei ich selbstverständlich aus ehrlicher Bescheidenheit auf die Erwähnung
meines Namens verzichtete.
Der Diener eilte von
hinnen, während der Tyrann mir mit Speis und Trank aufwarten wollte, was ich höflich,
aber entschieden ablehnte. Immerhin sei ich nicht zum Schmausen in seinem Hause
erschienen. Dafür zeigte er Verständnis, genauso wie auch ich ihm gegenüber
Verständnis zeigte, dass er während der folgenden Unterhaltung immer wieder
nach den Früchten auf einem Obstteller langte, den ihm ein Diener gebracht
hatte. Nebenbei versuchte er augenzwinkernd, mir durch listige Fragen weitere
Einzelheiten über meinen Plan zu entlocken, aber ich bat ihn, sich zu gedulden,
bis man mir die Keule bringe. Das dauerte nicht lange, und ich beglückwünschte
den Tyrannen zu seinen vorzüglichen Handwerksmeistern. Die Keule erwies sich
unglückseligerweise als viel zu groß und zu schwer für meine durchaus nicht
kampferprobten Arme. Der Tyrann sprach mir Mut zu. Er stellte sich bereitwillig
vor mich hin, ohne die Mandarine aus der Hand zu geben, von der er soeben
gekostet hatte, und er forderte mich lachend auf, ich möge nur keine Müdigkeit
vortäuschen und tüchtig zupacken. Während er sichtlich vergnügt ein weiteres
Stück von seiner Frucht naschte, hob ich also mit jämmerlichem Ächzen die
Keule empor, doch das schwergewichtige Prunkstück, auf dem tatsächlich in
Goldschrift der Namen des Tyrannen prangte, entglitt meinen Händen und plumpste
peinlicherweise auf meine eigenen Füße. Daraufhin lachte sich der Tyrann mit
bemerkenswerter Geschwindigkeit zu Tode. Auch gut, dachte ich und legte
ihm die Keule in die Hand. Sollten sich seine Leute ruhig ein bisschen den Kopf
zerbrechen, wie er es geschafft hätte, sich mit der Keule selbst das Leben zu
nehmen.
Dem freundlichen Wächter,
der mich vorhin persönlich zu seinem Herrn geführt hatte, erzählte ich draußen
vor dem Palasttor kurz, was vorgefallen war, sodass er sich, weil er mir nicht
glauben konnte, ebenfalls beinahe zu Tode gelacht hätte. Zum Abschied steckte
ich ihm ein Zettelchen zu, dann machte ich mich gemächlich auf den Heimweg.
Prahlerei ist
wirklich keine Untugend von mir; darum sagte ich nichts, als mir am nächsten
Tag ein Bekannter eine Zeitung in die Hand drückte, in der ein
aufsehenerregender Bericht über den plötzlichen Tod des Tyrannen abgedruckt
war. Den Bekannten hatten vermutlich jene Zeilen verwirrt, die am Ende des
Berichts standen und von dem Zettel stammten, den man angeblich neben dem
Leichnam des Tyrannen gefunden hatte:
Ist
Meierlein
auch
noch so klein,
ein jeder kann gefährlich sein.