Toni Traschitzker
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Briefträgers Weihnacht |
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Der Briefträger Bärenfried war ein gutmütiger Mensch - zumindest hielt er sich selber dafür. Aber alle Jahre wurde er zu Weihnachten regelmäßig grantig, besonders an den letzten Tagen vor dem Heiligen Abend, wenn es für ihn als Briefträger am meisten zu schleppen gab. Dann konnte er recht ausfällig über das "liebliche Weihnachtsfest" urteilen. "So ein überflüssiger Rummel, das Ganze! Wir Briefträger haben die doppelte und dreifache Arbeit", regte er sich auf. "Obendrein dieses Gefasel über Christkind, weiße Weihnachten und so! An uns Briefträger, die wir mühselig durch den Schnee stapfen müssen, denkt keiner!"
"Na, na, wann bist denn du das letzte Mal wirklich durch den Schnee gestapft?", beruhigte ihn seine Frau. "Es fahren sowieso dauernd die Schneepflüge, wenns schneit."
"Oder auch nicht - so wie vor drei Jahren!", schimpfte Bärenfried. Was bin ich da im Tiefschnee über den Leitenbühel hinaufgestampft, nur weil der Hochlechner, der alte Trottel, sich wieder selber ein Weihnachtspaket geschickt hat!"
Die Frau des Briefträgers horchte auf, und seine beiden Kinder Bernd und Ina kamen neugierig näher.
"Der hat sich selber ein Paket geschickt?", fragte Bernd ungläubig.
"Ja! Das macht er schon seit Jahren, der Narr!", nörgelte der Vater.
Bernd lachte. Seine Schwester Ina hingegen meinte treuherzig, der Hochlechner müsse ein sehr einsamer, bedauernswerter Mensch sein, wenn er sich selber Weihnachtspakete schicke. Doch der Vater nannte ihn mürrisch einen "verkalkten Sonderling".
Am letzten Tag vor dem Heiligen Abend erschien der alte Hochlechner wie üblich im Postamt und gab sein Paket auf. Bärenfried erfuhr davon von einem seiner Kollegen und ärgerte sich. Als es draußen zu schneien anfing, ärgerte er sich noch mehr. Daheim raunzte er wieder über den Hochlechner.
"Schimpf nicht, freu dich lieber! Morgen ist Weihnachten!", rief Ina, und sie schlug vor, er solle das Paket einfach nach Hause mitnehmen, sie würde es mit ihrem Bruder Bernd dem alten Hochlechner bringen. Da schimpfte der Vater schon wieder und meinte, das verstoße gegen die Dienstvorschriften. Doch die beiden Kinder bettelten so rührend, dass er schließlich murmelte, er werde es sich überlegen.
In der Nacht schneite es heftig, und es hörte auch am nächsten Tag nicht auf. "Hurra! Weiße Weihnachten!", jubelten die Kinder des Briefträgers schon in aller Frühe. Er aber nörgelte aufs Neue. Nach Dienstschluss brachte er ein braunes Paket mit, weil auf dem schmalen Weg zum Häuschen des Hochlechners kein Schneepflug fahren konnte.
"Da!", brummte Bärenfried seine Kinder an. "Aber passt bloß auf, dass dem Paket nichts passiert!" Dann legte er sich aufs Sofa, um sich von den Mühen seines weihnachtlichen Briefträgerdaseins auszuruhen.
Er verschlief den halben Nachmittag. Draußen dämmerte es schon, als seine beiden Sprösslinge von ihrem Fußmarsch zurückkehrten.
"Hat er was gesagt?", wollte Bärenfried wissen.
"Wer? Der alte Hochlechner? Nein." Bernd schüttelte verschmitzt den Kopf, und seine Schwester erzählte hastig, dass sie das Paket neben die Haustür gestellt und geläutet hätten. Danach seien sie zum Gartentor gehuscht und hätten heimlich beobachtet, wie sich der Hochlechner sein Paket geholt habe. Bärenfried nickte zufrieden und meinte: "Schön. Dann können wir in Ruhe Weihnachten feiern."
Den Kindern zuliebe hatte er einen Christbaum aufgestellt; den Kindern zuliebe entzündete er darauf am Abend die Kerzen und Sternspritzer; und den Kindern zuliebe brummte er auch ein bisschen mit, als seine Frau "Stille Nacht, heilige Nacht" anstimmte. Plötzlich klingelte die Haustürglocke.
Bärenfried erwartete keinen Besuch. Ungehalten sperrte er die Tür auf. Draußen stand - niemand!
Der Briefträger kratzte sich verdutzt hinterm Ohr und blickte sich um. Die Schneeflocken wirbelten dicht vom nachtschwarzen Himmel und glitzerten im milchigen Licht der Straßenlaterne. Alles war still und friedlich - weihnachtlich.
Auf einmal entdeckte Bärenfried neben der Türschwelle eine dunkle Flasche, und beim näheren Hinsehen bemerkte er, dass daran ein Briefumschlag befestigt war. Verwundert nahm Bärenfried beides mit ins Wohnzimmer, nachdem er die Haustür verschlossen hatte.
"Was bringst du da?", fragte seine Frau überrascht.
"Da muss ein Geist draußen gewesen sein", murmelte Bärenfried, während er die Flasche - eine Rotweinflasche - auf den Tisch stellte und den Briefumschlag öffnete. Bernd und Ina drängten sich neugierig um den Vater.
"Lies vor!", bettelten sie aufgeregt.
"Puh, so eine krakelige Schrift!", stöhnte der Vater. Er hielt den Zettel, den er aus dem Umschlag gezogen hatte, schräg gegen das Licht der Zimmerlampe und fing zu buchstabieren an: "Lieber Herr Briefträger ..."
Verdutzt hielt er inne.
"Na weiter!", drängte Ina.
"Lieber Herr Briefträger ...", wiederholte der Vater. Er räusperte sich verwirrt und fuhr fort: "Jedes Jahr bringen Sie mein Weihnachtspaket zu mir herauf, und heuer muss es für Sie bei dem tiefen Schnee eine rechte Schinderei gewesen sein. Umso mehr freue ich mich über Ihre kleinen Beigaben ..." Bärenfried stockte kurz und runzelte die Stirn, dann setzte er fort: "... Beigaben ... und ganz besonders danke ich für den lieben Brief ..." Bärenfried stockte abermals. Da boxte Bernd seiner Schwester leicht gegen die Rippen, und auf einmal fingen die beiden Kinder zu kichern an.
Bärenfried zog die Brauen zusammen. "Brief?", stieß er verdattert hervor. "Was für ein Brief?" Plötzlich herrschte er seine beiden Sprösslinge an: "Habt ihr etwas in das Paket für den Hochlechner hineingeschmuggelt?"
"Lies weiter!", rief Bernd statt einer Antwort.
"Ihr habt doch nicht ...", stammelte Bärenfried, doch seine Frau, die ihm bisher beim Lesen über die Schulter geguckt hatte, nahm ihm ungeduldig den Zettel ab und las den Brief fertig vor: "Selbstverständlich freue ich mich über die Zuckerln, die Schokolade und die Strohsterne, die werde ich mir ans Küchenfenster hängen. Aber die größte Freude war für mich Ihr netter Brief. Es gibt doch noch Leute, die an mich denken! Er herzliches Vergelts Gott und gesegnete Weihnachten - Ihr Josef Hochlechner."
Bärenfried war baff, und auch seine Frau blickte verblüfft auf die beiden Kinder, die schelmisch lächelten.
"Ihr Schlingel!" Der Vater stemmte die Arme gegen die Hüften. "Ihr habt heimlich das Paket aufgemacht!"
"Wir haben nur ein bisschen Christkind gespielt", erwiderte Ina.
"Christkind?" Der Vater grinste auf einmal. "Na schön. Fröhliche Weihnachten, ihr ... Christkinder!"
Ó by Toni Traschitzker