Die Ohnmacht der Finsternis

oder

Seppl im Keller

 

Nennen wir ihn Seppl – so wie den berühmten Seppl, der mit dem noch berühmteren Kasperl allerlei Abenteuer erlebt hat. Es geht also um jenen Seppl, der – wenngleich auch ein bisschen komisch – im Grunde genommen ein mutiger und hilfsbereiter Mensch ist. Einmal geriet er in einen unheimlichen Keller eines halb verfallenen Schlosses.

    Wie das?

    Er hatte gehört, es gäbe in diesem Schlosskeller einen wertvollen Schatz. Als hilfsbereiter Mensch dachte er nicht an sich selber, sondern an die armen Menschen, die unterhalb des Schlosses wohnten, das auf einem bewaldeten Hügel emporragte. Wenn Seppl den Schatz fand, konnte er den Armen helfen! Wenn das nicht ein hehres Ziel war ...

    Schon nach kurzem Suchen entdeckte er einen schmalen Gang, der über unzählige Stufen immer tiefer nach unten führte. Durch versteckte Spalten gelangte schwaches Licht in den finsteren Gang, sodass Seppl, der nicht daran gedacht hatte, einen Taschenlampe mitzunehmen, anfangs flott vorankam und bald in einen Kellerraum gelangte. Unheimlich hallten Seppls Schritte von den steinernen Wänden wider, unheimliche Schauer fuhren ihm durch den ganzen Leib, als plötzlich jegliches Licht verschwunden schien.

    Hatte jemand den Schatzsucher bemerkt? Hatte jemand die allerletzte Lichtquelle verlöscht?

    Seppl wollte umkehren, wusste aber vor Schreck nicht mehr, aus welcher Richtung er gekommen war. Zitternd tappte er an einer Wand entlang. Er wagte nicht, um Hilfe zu rufen, denn er hatte trotz seiner Angst das Gefühl, er müsse dem geheimnisvollen Schatz ganz nahe sein. Warum sollte er ihn jemand anderem überlassen – womöglich einem selbstsüchtigen Gauner, der bestimmt nicht an die Armen dachte?

    Auf einmal stieß Seppl mit der Schulter gegen etwas Hölzernes. Wenige Augenblicke später rasselte, klirrte und krachte etwas entsetzlich laut – geradeso, als fiele ein riesiges Regal mit Flaschen oder Gläsern um. Ein eigenartiger Geruch stieg Seppl in die Nase. Wäre er ein Weinkenner gewesen, hätte er sofort gewusst, dass er an eine besondere Art von „Schatz“ geraten war. So aber merkte er nur, dass er immer wieder auf zerbrochenes Glas trat. Eine Flüssigkeit musste ausgelaufen sein, denn auf dem Kellerboden schien etwas Feuchtes zu glänzen. Irgendwo von oben her kam also doch noch ein Lichtrest, aber so schwach, dass Seppl nichts Genaueres erkennen konnte.

    Verfluchte Finsternis!

    Vor Angst und Wut fing Seppl zu keuchen an. Abermals stieß er gegen ein Hindernis, abermals schepperte und klirrte es. Ein hölzernes Ding, vermutlich eine Latte, fiel Seppl in die Hände. Er umklammerte sie wie ein Schwert, stieß einen Wutschrei aus und begann wild um sich zu schlagen. Sirrend schwirrte die Latte hin und her, als müsse sie hundertausend unsichtbare Gespenster erschlagen. Endlich prallte sie gegen etwas Hartes und zerbrach krachend.

    Verfluchte Finsternis!

    Voll Ingrimm schleuderte Seppl den Stummel gegen seine vermeintliche Feindin. Der Finsternis machte das nichts aus – sie schrie nicht, sie jammerte nicht, sie wich weder zur Seite noch brach sie entzwei. Aber irgendwo klirrte etwas wie Glas. Seppl konnte es nicht sehen, er hörte nur, wie es zersplitterte. Die Beine gehorchten ihm vor Wut und Anstrengung nicht mehr, sodass er stolperte und hinfiel. An seinen Händen spürte er etwas Feuchtes. Es war wohl der Inhalt von zerbrochenen Flaschen. Erschöpft blieb er liegen. Sein hastiges Atmen hallte schaurig von den Wänden wider. Nichts war zu sehen.

    Verfluchte Finsternis!

    Schlaff versuchte er sich aufzurappeln. Dabei berührte er mit der linken Hand die Hosentasche – und zuckte zusammen!

    Was hatte er da eingesteckt? Zündhölzer???

    Mit zittrigen Fingern zog er eine winzige Schachtel aus der Hosentasche heraus. Ohne etwas zu sehen, tastete er sie rundherum ab.

    Ja! Es war eine Streichholzschachtel!

    Wie ein Blinder öffnete er sie, merkte aber gleich, dass sie fast leer war.

    Jetzt nur keinen Fehler machen! Nur kein Zündholz unnötig verschwenden!

    Er zwang sich zu einer kurzen Verschnaufpause. Endlich fingerte er ein Hölzchen aus der Schachtel heraus, schob sie wieder zu und entflammte das Streichholz. Gespenstisch durchstieß sein Lichtschein die Dunkelheit, ließ für einige Augenblicke die Umrisse eines eingestürzten Regals erkennen – und verlosch wieder.

    Auch das Licht des zweiten Zündhölzchens überlebte nicht lange. Doch Seppl wusste jetzt, was er brauchte: etwas, was sich leicht anzünden ließ und länger als ein Zündholz brannte. Im flackernden Schein des dritten Hölzchens entdeckte er unter dem umgestürzten Holzgestell einige lose Blätter, vermutlich Verzeichnisse von jenen Gegenständen, die auf dem Regal aufbewahrt worden waren. So gut es ging, drehte Seppl in der Finsternis die Blätter zu einer Art Papierfackelturm zusammen. Den entzündete er mit dem vierten Streichholz. Hastig huschten seine Augen umher – und entdeckten im Schein der Papierfackel genau das, was er zu finden gehofft hatte: einen dicken Kerzenstumpf!

    Das nächste Streichholz – eines der letzten, die übrig geblieben waren – reichte zum Anzünden der Kerze. Im ersten Augenblick dachte Seppl nur an Flucht nach draußen. Dann aber erinnerte er sich an das, was er eigentlich hier unten gesucht hatte: den Schatz, mit dem er den Armen helfen wollte!

    Von Schatz war keine Spur zu erkennen. Aber etwas anderes musste Seppl zu seinem Entsetzen gleich feststellen: Er war in ein Weinlager geraten. Bei seinem wütenden Kampf gegen die Finsternis hatte er den gesamten Flaschenvorrat zertrümmert – vernichtet!

    Na wennschon! Was hätten die Armen schon vom Wein gehabt? Einen Rausch vielleicht! Immerhin – man hätte den Wein verkaufen und den Erlös an die Armen verteilen können ...

    Seppl seufzte und nannte sich selber insgeheim einen Dummkopf. Behutsam – damit bloß kein unverhoffter Luftzug die Kerze auslöschen könnte – schirmte er mit der freien Hand die kleine Kerzenflamme ab. Sie war die einzige Kraft, die ihm hier unten half.

    Gespannt suchte er weiter. Doch er fand keinen Schatz: kein Geld, kein Gold. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als sich mit dem Gedanken zufriedenzugeben, dass er wenigstens die Kraft des Lichts wiederhatte ...

    Auf dem Weg zurück ins Freie musste er durch einen weiteren Raum voll mit Regalen. Darauf standen keine Weinflaschen, sondern –

    Seppl lief das Wasser im Mund zusammen: So viele Würste, Speck und Käse auf einen Haufen hatte er noch nie erblickt. Die reinste Vorratskammer! Und alles genießbar, kein Bissen verdorben! Dazu kam noch ein Regal mit herrlichen Fruchtsäften!

    Nach ein paar kleinen Kostproben wusste Seppl Bescheid: Er hatte den „Schatz“ gefunden! Mit Hilfe seines Freundes – nennen wir ihn ruhig Kasperl – schleppte er die Vorräte ins Freie und verteilte sie an die Armen der Umgebung. Das war ein Festschmaus! Während er selbst daran teilnahm, erzählte er seinem Freund Kasperl, wie es ihm bei der „Schatzsuche“ ergangen war.

    „Ja, ja“, meinte Kasperl, genüsslich kauend. „Zuerst hast du die Finsternis verprügelt, dümmer geht’s nimmer!“

    „Wieso?“, wandte Seppl verdutzt ein.

    „Begreifst du das nicht?“, erwiderte Kasperl. „Die Finsternis ist bloß ein Nichts, und ein Nichts kann weder dir etwas antun noch kannst du ihm etwas antun. Das Gegenteil davon – eine Kraft, so wie das Licht – so was musst du suchen. Darauf musst du deine ganze Aufmerksamkeit richten.“

    „Hab’ ich das etwa nicht getan?“, entgegnete Seppl. Er tippte sich auf die Stirn und fuhr grinsend fort: „Ein bisschen Licht habe sogar ich da oben drin, und damit habe ich das andere Licht gefunden.“

    „Na klar“, meinte Kasperl. „Bestimmt ist dein Licht da oben mit dem anderen, mit dem ganz großen Licht im Weltall irgendwie verwandt. Da mussten die beiden doch zusammenfinden. Oder?“

    „Hmhm“, bestätigte Seppl, nachdem er sich einen herzhaften Schluck Fruchtsaft gegönnt hatte. „Ein Glück, dass ich rechtzeitig angefangen habe, richtig zu denken!“

 

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