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Geschichten und Gedichte

von Toni Traschitzker

 

                                                                   Dazu englische Übersetzung!

                                                                    Dazu italienische Übersetzung!

 

 

          (Weitere Geschichten und Gedichte folgen ...)

 

 
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Toni Traschitzker:

Die Geschichte vom traurigen Buch

Einsam stand das Buch im untersten Fach der kleinen Bücherstube. Es hatte hundert Seiten und einen bunten Einband, und in seinem langen Leben war es bestimmt schon von tausend Kindern gelesen worden. Aber seit einigen Jahren sah es niemand mehr an. Der einzige Mensch, der ab und zu danach griff, war eine alte Putzfrau. Aber die nahm es auch nur in die Hände, um es ein bisschen abzustauben.

"Du armes Buch", murmelte die Putzfrau einmal. "Du bist nur noch ein Staubfänger. Dich wird nie mehr jemand lesen."

"Aber warum nicht?", wunderte sich das Buch. "Früher waren die Kinder immer so begeistert, wenn ich ihnen alle meine Geschichten erzählt habe."

Ein andermal brummte die Putzfrau: "Wozu lässt man dich noch im Fach herumstehen? Die Kinder sitzen sowieso lieber den ganzen Tag vor dem Fernseher. Die können wohl alle nicht mehr lesen. Bald wird man dich wegwerfen!"

Hu, wie erschrak das Buch! Von nun an fiel es jedes Mal vor Angst beinahe um, wenn die Tür der Bücherstube aufging. Es glaubte nämlich, man wolle es holen und wegwerfen — oder gar verbrennen! Aber es passierte nichts. Das Buch fing an nachzudenken.

Konnten die Kinder wirklich nicht mehr lesen? Und was war das für ein wunderliches Ding, vor dem sie den ganzen Tag saßen? "Fernseher" hatte die Putzfrau dieses Ding genannt. Das Buch war schon ziemlich alt und wusste nicht, wie ein Fernseher aussah. Es fragte sich, ob man damit auch so gemütlich draußen im Freien sitzen konnte wie mit einem Buch. Früher hatten die Kinder das gern getan — und viele Erwachsene auch. Doch jetzt?

Erwachsene kamen immer wieder in die Bücherstube. Aber keiner kümmerte sich um das Buch im untersten Fach, weil es ein Buch für Kinder war. Bald verzweifelte es und schaute immer trübseliger drein.

Einmal riss jemand die Tür auf und polterte so heftig in die Bücherstube herein, dass das Buch vor Schreck tatsächlich umfiel. Ein zehnjähriger Bub mit schwarzen Haaren kam daher und fing an, in den Bücherregalen zu stöbern. Auf einmal bückte er sich. Er hatte das unterste Fach entdeckt, und dort — ihr wisst ja, wer dort sehnlichst auf einen Leser wartete!

Der Bub schnappte sich das Buch und begann darin zu blättern. "Bäh!", rief er plötzlich. "Da sind nicht einmal färbige Bilder drin!"

Bumms! — warf er das Buch ins Fach zurück, und — holterdipolter — trampelte er zur Bücherstube hinaus und schlug hinter sich die Tür zu, dass es krachte.

Das Buch japste nach Luft, und der Rücken tat ihm weh. So ein grober Bengel! Was hatte der überhaupt gewollt?

Tja — färbige Bilder hatte er gewollt! Die Zeichnungen in dem alten Buch waren nur schwarz-weiß. Aber sie sahen doch schön aus! Hunderten von Kindern hatten sie schon gefallen! Außerdem war der Umschlag bunt. Aber diesem Lümmel, der mit Büchern wie mit einem Holzprügel umging, dem genügte das nicht!

Das Buch seufzte schwer. Als es sich beruhigt hatte, ging die Tür wieder auf. Ein Mädchen mit hellen, blonden Haaren kam fröhlich singend hereingesprungen — tralali tralala — und siehe da: Es entdeckte das Buch im untersten Fach und fing darin zu blättern an. Neugierig betrachtete es alle Zeichnungen, und schließlich begann es auf der ersten Seite leise und langsam zu lesen. Doch schon nach zwei Sätzen rief es: "Ach, ich mag nicht mehr! Ich geh’ lieber fernsehen!"

Bumms! — landete unser Buch abermals unsanft auf dem Rücken! Wenn es nicht so ausgetrocknet gewesen wäre, hätte es vor Enttäuschung bestimmt dicke Tränen geheult! Aber genützt hätte das wohl kaum. Das Mädchen, das lieber fernsehen wollte, rannte jedenfalls — tralali tralala — zur Tür hinaus.

Tage vergingen, doch es ließ sich kein Kind mehr in der Bücherstube blicken. Das Buch im untersten Fach seufzte immer häufiger und wartete nur noch darauf, dass jemand kommen würde, um es wegzuwerfen. Doch nicht einmal mehr die alte Putzfrau kam! Die war wohl krank geworden ...

Das Buch fühlte sich auch krank. Es schaute nicht mehr auf, wenn jemand die Bücherstube betrat. Nur manchmal blinzelte es verstohlen auf die Schuhe der erwachsenen Leute, die in den oberen Fächern etwas zum Lesen suchten. Einmal fielen ihm zuerst nur ein Paar kleine Turnschuhe auf. Plötzlich bemerkte es, dass darin ein Bub steckte. Er kam aus einer ersten Klasse der Volksschule und konnte bestimmt noch nicht lesen — so dachte zumindest das Buch im untersten Fach. Doch der Kleine bückte sich, griff nach dem Buch und blätterte es durch.

"Ob der auch gleich wieder meckert, weil ich keine färbigen Zeichnungen habe?", fragte sich das Buch ängstlich.

Der Bub meckerte nicht. Er blätterte hin und her, schlug schließlich die erste Seite auf und fing murmelnd zu lesen an. Es ging zäh — noch langsamer als das letzte Mal bei dem blonden Mädchen. Aber der Bub las!

Jö, da freute sich das Buch! Wie in seinen besten Zeiten erzählte es dem Buben seine Geschichten.

Auf einmal flog die Tür auf. Der schwarzhaarige Bengel schaute herein und rief: "He, Seppi! Wir brauchen noch einen Spieler. Wenn du Lust hast, kannst du mitmachen!"

"Ja, ja", antwortete Seppi.

Rumms! — krachte die Tür wieder zu.

Das Buch war entsetzlich erschrocken. Schon glaubte es, der kleine Seppi würde gleich aufstehen und dem anderen nachlaufen. Doch er blieb sitzen und las weiter.

Nach einer Weile öffnete sich abermals die Tür. Das blonde Mädchen guckte herein und sagte: "Du, Seppi, in fünf Minuten fängt im Fernsehen ein lustiger Film an."

"Ich komme", erwiderte Seppi, ohne aufzublicken. Das Mädchen schloss die Tür und lief davon.

"Fernsehen, oje!", dachte das Buch. "Jetzt wird er mich gleich ins Fach zurückwerfen, dass ich wieder drei Tage Rückenweh habe!"

Doch der kleine Seppi blieb sitzen und begann plötzlich zu lachen. Er hatte im Buch eine witzige Stelle erreicht, und da musste er natürlich weiterlesen! Alle Kinder vor ihm hatten an dieser Stelle weitergelesen. Erst nach zehn Minuten stellte er das Buch auf seinen Platz zurück. Traurig blickte es ihm nach, denn er hatte es nicht fertig gelesen.

"Fernsehen muss wohl lustiger sein", dachte das Buch seufzend. Trotzdem wartete es gespannt auf den nächsten Tag. Und tatsächlich: Der kleine Seppi kam wieder und las weiter. Dann geschah etwas Merkwürdiges: Das blonde Mädchen wollte ihn zum Fernsehen holen. Aber er rief: "Ich lese lieber! Das Buch ist lustig. Und so spannend!"

Das Mädchen schaute dem Kleinen eine Weile neugierig zu und sagte: "Du hast ja schon das halbe Buch ausgelesen."

"Freilich. Ich kann eben lesen", entgegnete Seppi stolz.

"Du ... ich kann aber auch lesen. Soll ich es dir beweisen?", fragte das Mädchen plötzlich. "Gib mir das Buch!"

"Nichts da! Jetzt bin ich dran!", rief Seppi streng. "Du musst warten." Kurz darauf fing er zu kichern an. Da stellte sich das Mädchen hinter ihn, schaute ihm über die Schulter und las mit. Und bald kicherten beide, während sie lasen.

Rumms! — flog die Tür auf. Ihr könnt euch ja denken, dass wieder der schwarzhaarige Bengel daherkam. Er suchte noch jemanden zum Ballspielen, aber die beiden Leseratten wollten nicht mitkommen.

"Bäh, Lesen ist ja fad", meinte der Schwarze.

"Nicht wenn man’s kann!", erwiderte der kleine Seppi, und das Mädchen nickte.

Tja — und was glaubt ihr, was am nächsten Tag geschah?

Der Schwarzhaarige kam in die Bücherstube geschlichen, blickte sich verlegen um, und als er merkte, dass keines von den anderen Kindern da war, schnappte er sich das Buch aus dem untersten Fach. Kurz darauf saß er mit dem Buch auf dem Teppichboden und kicherte leise. Und als ihn ein Freund zum Fernsehen holen wollte, sagte der Schwarze eifrig, ohne aufzublicken: "Geh nur! Ich muss erst das Buch auslesen!"

 

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