Toni Traschitzker
Wettflug der Schmetterlinge
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„Auf die Plätze!“ Zappelig standen die Jungschmetterlinge – keiner älter als drei Tage – in einer langen Reihe nebeneinander. Alle fieberten dem ersten Höhepunkt ihres noch kurzen Schmetterlingdaseins entgegen: dem Wettflug zum Haus der Schmetterlinge! Das Haus der Schmetterlinge, ein hölzernes Gartenhäuschen am Fuße eines Hanges, hatte unter seinem sonnseitig gelegenen Fenster einen riesigen Trog mit Blumen, die gerade jetzt, zur Zeit des Wettflugs, prächtig blühten. Dieser Trog war das Ziel des Wettflugs. |
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„Fertig!“ Farfarollo, einer von den alten Schmetterlingen, der für einen geordneten Start des Wettrennens zu sorgen hatte, streckte eine winzige Schmetterlingpistole hoch, und – paff! – ging’s los. Hui, war das ein buntes Geflatter! Ein Riesenschwarm erhob sich in die Luft, Farfarollo blieb allein auf dem Boden zurück. Allein? Hoppla! Da war ein kleiner Gelber neben ihm auf den Boden geplumpst! – Na klar, Goffolino, wer sonst? Schon beim Probefliegen für das Rennen war der tollpatschige Zitronenfalter nicht richtig hoch gekommen, und jetzt hatte ihn anscheinend jemand absichtlich oder unabsichtlich umgeschubst. Zwar rappelte er sich auf, aber anstatt den anderen schleunigst zu folgen, blieb er stehen und fing zu heulen an. |
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„Los, flieg ab!“, herrschte ihn Farfarollo an. „Ich kann’s nicht!“, erwiderte der Kleine. „Dann mach dich auf die Beine!“, befahl der Alte. „Ich kann’s nicht! Ich kann gar nichts!“, jammerte Goffolino. Er fiel vor Farfarollo nieder und flehte: „Es hat keinen Sinn! Schieß mich tot!“ „Was fällt dir ein?“, versetzte Farfarollo. „Leb gefälligst dein Leben! Wozu hast du’s denn? Los, los!“ Er versetzte dem Tollpatsch einen Stoß, sodass der Kleine davonstolperte. |
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Die anderen Schmetterlinge schwebten schon hoch in der Luft. Sie kamen nur langsam vorwärts, weil sie versuchten, sich gegenseitig zu verdrängen. Trotzdem waren sie schon weit voraus. Goffolino, der sich aus Angst vor dem alten Farfarollo nicht umzusehen traute, taumelte, halb fliegend, halb stolpernd, über Furchen und Mulden vorwärts. Jedes Mal, wenn er nach oben blickte, merkte er, dass der Vorsprung seiner Gefährten größer geworden war. Obendrein kam ein heftiger Wind auf, der den schwächlichen Schmetterling immer wieder nach unten drückte. Ach, es hatte wirklich keinen Sinn ... |
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„Hilfe! Hilfe!“, rief plötzlich eine dünne Stimme. Goffolino entdeckte einen Marienkäfer, den der Wind von einer Glockenblume heruntergeblasen hatte. „Ich hab’ keine Zeit!“, keuchte Goffolino. Als er aber sah, wie der Marienkäfer hilflos auf dem Rücken lag, konnte er nicht anders – er lief hin, packte zu, und – plumps! – kippte der Käfer wieder auf die Beine. „Hab Dank! Tausend Dank!“, stöhnte er. „Schon gut! Ich muss weiter!“, entgegnete Goffolino. Er achtete nicht darauf, als ihm der Marienkäfer nachrief: „Ich werde für dich beten!“ |
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Wieder hatte sich der Vorsprung der anderen Schmetterlinge vergrößert. Der rotbraune Bruno, der schon bei den Probeflügen einer der Schnellsten gewesen war, führte die Schar an. Er würde wohl gewinnen ... „Hilfe!“, schrie jemand. Abermals hielt Goffolino inne. Er blickte um sich und erspähte einen dicken Maikäfer, den der Wind von einem Busch geschüttelt hatte. Der bedauernswerte Käfer lag rücklings im Gras und kam nicht mehr auf die Beine. |
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Goffolino eilte hin, packte wieder an ... aber diesmal ging’s nicht so einfach wie vorhin beim Marienkäfer – es ging überhaupt nicht! Goffolino wollte aufgeben und weiterhasten. „Warte!“, schrie der Maikäfer. „Nimm den kleinen Zweig da als Hebel! Den hat der Sturm abgerissen.“ Goffolino versuchte es. Er klemmte den Hebel unter den Rücken des dicken Maikäfers und begann zu schieben und zu zerren. Der Käferkörper schwankte hin und her – und endlich plumpste er auf die richtige Seite! |
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„Jetzt aber weiter!“, keuchte Goffolino. „Ich werde für dich beten!“, rief ihm der Maikäfer nach. Beten? Was sollte das nützen? Der rotbraune Bruno und seine Gefährten hatten ihren Vorsprung neuerlich vergrößert. Sie hätten sogar schon viel weiter sein können, wenn sie geradewegs dahingeflogen wären. Doch sie waren noch höher nach oben gestiegen. Verzweifelt blickte Goffolino immer wieder zu ihnen hinauf, und dabei wäre er beinahe in eine große Pfütze geklatscht. „Zu Hilfe!“ Wer schrie da schon wieder? |
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Es war eine Biene. Ein Windstoß hatte sie in die Pfütze geschleudert, mit dem Rücken nach unten. Das Tierchen zappelte ängstlich mit den Beinen und wusste sich nicht zu helfen. Zwar trieb es der Wind an den Rand der Pfütze, aber ohne fremde Hilfe war alles Gezappel vergeblich. Ratlos blieb Goffolino stehen. „Pack einen Grashalm und biege ihn zu mir herunter!“, keuchte die Biene. Goffolino tat es. Die Biene bekam den Halm zu fassen und gelangte ans Trockene. „Wie kann ich dir danken?“, sagte sie zu Goffolino. „Ich weiß!“, platzte er heraus. „Flieg mich zum Haus der Schmetterlinge!“ |
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Die Biene blickte ihn traurig an und entgegnete: „Das schaffe ich nicht, ich bin völlig erschöpft. Außerdem wärst du ohnehin zu schwer für mich. Aber ... ich werde für dich beten. Viel Glück!“ Sie schüttelte sich das Wasser ab, schwang die Flügel, und – summ summ! – war sie auch schon davongebrummt. Goffolino schaute ihr enttäuscht nach. Hinter einer großen Eiche entdeckte er bereits das Haus der Schmetterlinge. Bruno und dessen Gefährten flogen schnurstracks darauf zu. Jetzt konnte nur noch ein Wunder helfen. Aber was für eines? Hinter dem Gebirge quollen schwarze Wolken hervor. Der Wind war zum Sturm geworden. Unten auf dem Boden schwächten Büsche und Bäume seine Wucht ab. Doch hoch oben in der Luft musste der Sturm furchtbar sein! Ja, dort oben konnte er Bruno und die anderen in eine falsche Richtung verblasen. Er konnte sie sogar vernichten! Und diese finsteren Wolken – wenn aus ihnen plötzlich ein Blitz herausfuhr ... |
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Entsetzt blieb Goffolino stehen. Er fiel auf die Knie und schrie: „Lieber Gott, lass alle heil zum Haus der Schmetterlinge kommen! Lass sie ruhig schneller sein als ich – aber mach, dass ihnen da oben nichts geschieht!“ So betete er; und damit das Gebet auch erhört werden sollte, verharrte er eine Weile kniend auf der Erde. Als er sich aufrichtete, erkannte er, dass er die anderen nicht mehr einholen würde, sie hatten so gut wie gewonnen. Seufzend stand er auf und stolperte weiter. Das Fliegen versuchte er gar nicht mehr. Außerdem fiel ihm jetzt ein, dass er über den Bach musste, der oberhalb des Schmetterlinghauses als Wasserfall über einen Felsen stürzte. Wie sollte er mit seinen jämmerlichen Flugkünsten dieses Hindernis überwinden? |
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Das Bachbett war bis auf ein unscheinbares Rinnsal ausgetrocknet. Goffolino wunderte sich. Er stieg bachaufwärts und sah, wo das Wasser geblieben war: Ein Gewirr aus zerbrochenen Baumstämmen, Ästen, Zweigen und Schlamm hatte den Bach zu einem riesigen See aufgestaut. Vermutlich war oben im Gebirge, dessen Gipfel in düsteren Wolken steckten, ein Unwetter niedergegangen. Immer schwerer drückte der See gegen den künstlichen Damm – und plötzlich schoss Goffolino ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf: Wenn der Damm brach, stürzten gewaltige Wassermassen talwärts – genau auf das Schmetterlinghaus zu. Die jungen Schmetterlinge, die sich soeben auf der Sonnseite des Hauses beim Blumentrog niedergelassen hatten, konnten von dort aus nicht sehen, welche Gefahr ihnen drohte! |
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„Hilfe! Hilfe!“ Goffolino schrie wie wahnsinnig, während er nach unten stolperte. Er bewegte seine ermüdeten Beine, so schnell er konnte, und schlug aus Leibeskräften mit den Flügeln. „Hilfe!“ |
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Der rotbraune Bruno hörte das Geschrei als Erster. Er schaute um die Ecke, riss die Augen auf und platzte heraus: „Schaut! Goffolino! Er kann auf einmal fliegen! Haha!“ Auch alle anderen blickten um die Ecke und lachten. „Fort von hier! Gleich kommt das Wasser!“, schrie Goffolino. Er merkte gar nicht, dass er einen Meter über dem Boden schwebte. „Schnell fort!“ Im selben Augenblick begann es beim Hang zu knirschen und knacken, dann rauschte, zischte und grollte es, dass der Boden bebte. „Fort! Schnell fort!“, brüllte Bruno seinen Gefährten zu, und alle flatterten in Todesangst hinter Goffolino her, der ihnen den Fluchtweg zeigte. Krachend zersplitterte hinter ihnen die Sturzflut das hölzerne Häuschen. Die Schmetterlinge aber kamen alle mit dem Schrecken davon. Goffolino, der Tollpatschige, hatte ihnen das Leben gerettet – vier aufrichtige Gebete waren erhört worden. |
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Ende
Ó by Toni Traschitzker
Italienische Übersetzung >>>>>