"Sigispitzpudelobermayer"

Druck, Zeichnungen und Einband von Toni Traschitzker

191 Seiten, DIN-A5

"Ein frecher, fauler Knabe, ...

...der nichts gelernt hat, außer seiner Tante die Schüsseln leerzufressen!" – So schimpft die verzweifelte Tante Maggi mit ihrem Neffen Sigi. Schon längst sollte er die Hauptschule abgeschlossen haben, aber er ist in der vierten Klasse "sitzen geblieben" und muss sie wiederholen. Alle Drohungen von Tante, Klassenvorstand und Schuldirektor nützen nichts, Sigi bleibt unbekümmert bei seinem Leitspruch: "Lustig soll’s sein auf der Welt!" Mit seinen Freunden Luthe und Hermann treibt er lauter Unfug. Er merkt nicht, dass Gefahr droht, als sich ihm ein gewisser Leo aufdrängt. Aber auch der bisher unauffällige Mitschüler Josef Makkaron versucht plötzlich, den "Sigispitzpudelobermayer" zu beeinflussen; und nachdem Tante Maggi etwas zugestoßen ist, mischen sich sogar Sigis verstorbene Eltern ein ...

Sigi-Titelbild

Leseprobe

(Ausschnitt aus dem 5. Kapitel: "Verhängnisvoller Stadtbummel")

Sigi schlenderte jetzt durch die Rosnergasse, in der er bisher noch nie gewesen war. Hier gab es ab und zu kleine Läden. Vor einem Spielwarengeschäft, in dessen Auslage man eine niedliche Landschaft mit einer Modelleisenbahn bestaunen konnte, blieb er stehen. Modelleisenbahnen hatten ihn schon immer angelockt – vielleicht gerade deshalb, weil er nie eine besessen hatte. Sehnsüchtig glitten seine Blicke über die kleinen Lokomotiven, Waggons, Signale, Weichen, Brücken, Tunnel ...

"Na, hast du deinen Lieblingsteddybär schon gefunden?", ertönte plötzlich eine Stimme hinter Sigi. Er drehte sich um und schaute überrascht in das feiste Gesicht des Burschen aus der Mozartgasse. Der war kaum größer als Sigi, wirkte aber – wohl auch wegen der weiten Jacke – mindestens zweimal so dick. "Schweinsäuglein", durchzuckte es Sigi, als er in die kleinen, hellblauen Augen des Fremden sah.

"Hallo, Sigi Spitz!", rief der Bursche grinsend und hob zur Begrüßung kurz die rechte Hand, während er die linke tief in der Jackentasche versteckt hielt.

"Woher kennst du mich?", fragte Sigi verdutzt.

"Von deinem Freund Hermann." Der Fremde lächelte schief. "Wir gehen beide in derselben Schlosserei in die Lehre. Und du?" Er deutete auf Sigis Schultasche. "Machst wohl blau heute, oder?"

Sigi guckte verlegen auf die Tasche.

"Hast Recht", meinte der Dicke.

Bild: Leo

"Und was ist mit dir?", entgegnete Sigi. "Machst du auch blau – oder grün?"

"Irrtum! Krankenstand." Grinsend zog der Fremde die linke Hand aus der Jackentasche heraus. Sein kleiner Finger steckte unter einer riesigen Mullbinde.

"Betriebsunfall", verriet der Dicke. "Übrigens: Ich heiße Leo."

"Und ich Sigi."

"Weiß ich."

"Aber Sigi Obermayer – nicht Sigi Spitz."

"Weiß ich auch." Der Dicke grinste wieder. "Kommst mit auf ein Bier?"

"Tut mir Leid, ich hab’ kein Geld."

"Ich lad’ dich ein."

Eigentlich hätte Sigi lieber abgelehnt. Irgendetwas missfiel ihm an dem ständig grinsenden Kerl.

"Na komm schon!", rief Leo und schlug Sigi mit der Rechten nicht gerade zärtlich auf die Schulter. "Ich möcht’ dich gern kennen lernen."

"Aber ich dich nicht", wollte Sigi sagen – doch er brachte es zu seiner eigenen Verblüffung nicht heraus. Der Dicke verschleppte ihn gleich in die Gaststätte an der nächsten Straßenecke. Als die Kellnerin jedoch nach einem misstrauischen Blick auf Sigis Tasche fragte, ob die beiden Burschen keine Schule hätten, stand Leo mit einem Ruck auf, erwiderte der Kellnerin ein paar Grobheiten und schob Sigi vor sich her aus der Gaststube hinaus, ohne etwas bestellt zu haben.

Einige Minuten später saßen sie in einer kleinen, verrauchten Kneipe, und Leo ließ "zwei große Biere" bringen. Sigi wollte nichts Alkoholisches, aber sein Begleiter überrumpelte ihn: "Ein Sigi Spitz ohne Bier ist ein Witz." Erst als ihm Leo eine Zigarette anbot, konnte sich Sigi widersetzen: "Lass lieber, ich hab’ gestern mit dem Zeug genug Scherereien gehabt ... in der Schule nämlich."

"Ah, kann ich mir denken." Leo nickte mitleidig. Er zündete sich eine Zigarette an und begann gierig daran zu saugen.

"Säugling", dachte Sigi, aber er sagte nichts.

Leo paffte und qualmte, als wollte er sich im Rauch unsichtbar machen. Nebenbei erzählte er begeistert über das, was er von Hermann über den nächtlichen "Schreckmaschinenstreich" beim "Schulhäuptling" erfahren hatte. Er schimpfte über Irma und Henriette – "verräterische Weiber" nannte er sie –, und er bedauerte das "teuflische Pech" der drei Burschen. Danach berichtete er, wie es zu der "vermaledeiten Quetschung" seines Fingers gekommen war. Er raunzte über seinen Vorgesetzten und über sämtliche Mitarbeiter – außer Hermann –, gönnte sich zwischendurch einen gewaltigen Schluck Bier, schimpfte weiter, paffte, trank und schimpfte wieder, bis sein Glas leer war. Sigi hatte noch nicht einmal die Hälfte seine Getränks hinuntergebracht.

"Schmeckt’s dir nicht?", fragte Leo.

"Ich bin mehr fürs Süße. Das Leben ist bitter genug", entgegnete Sigi. Leo lachte heiser. Nachdem er seinen Zigarettenstummel im Aschenbecher ausgedrückt hatte, blickte er auf seine Armbanduhr, und plötzlich fiel ihm ein, dass er "noch etwas erledigen" müsse. Er stand auf und verabschiedete sich: "Servus, Sigi Spitz! Das nächste Mal zahlst du!"

Sigi schmunzelte.

"Mach’s gut und lass dich von deinem ollen Schulhäuptling nicht unterkriegen!", rief Leo. Dann ging er zur Bar, zahlte und verließ die Gaststube.

Sigi kratzte sich den Lockenkopf und schaute nachdenklich auf sein halb volles Bierglas. "Du grausliches Gesöff – jetzt kannst du dich selber aussaufen", dachte er. Ein Glück, dass Leo verschwunden war!

Leider macht sich Leo immer wieder an Sigi heran. Was steckt dahinter?

Bild: Tante Maggi

Zeichnung aus dem 8. Kapitel: "Versager und Nichtsnutz"

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