Silvestergedicht

(Aus dem Buch "Die Steckenballbande" von Toni Traschitzker)

Lustlos griff die Mutter  nach dem Stück Papier und begann zu lesen: "Silvester ist ein blödes Fest ... was?" Sie stockte und warf Dieter einen verdutzten Blick zu. Dann fing sie noch einmal von vorn an:

"Silvester ist ein blödes Fest,

das alle Leute saufen lässt.

Am Morgen fühl’n sie sich ganz dumm

und gähnen ewig lang herum,

versäumen so, und das ist wahr,

den ersten Tag im neuen Jahr!"

       Bild: Dieter und Mutti beim Dichten

Dieter guckte seine Mutter erwartungsvoll an.

"Das soll wohl eine Anspielung sein, wie?", fragte sie misstrauisch.

"Warum? Fühlst du dich etwa betroffen?", erwiderte Dieter verschmitzt.

"Unsinn", brummte die Mutter verlegen. "Ich hab’ gestern höchstens zwei Gläser Sekt getrunken ¾ nur so zum Anstoßen aufs neue Jahr. Das gehört eben dazu."

"Der Kater am nächsten Tag wohl auch", schmunzelte Dieter.

"Also ich hab’ wirklich keinen Kater!", verteidigte sich die Mutter.

"Nicht einmal ein Kätzchen?", witzelte Dieter.

"Frechdachs, du", entgegnete die Mutter. Sie schob den Zettel zu Dieter zurück und meinte, so etwas "Primitives" könne wirklich nur ein Stubenhocker zusammenreimen.

"Stubenhocker ¾ ha, jetzt hab’ ich dich!" Dieter sprang auf. "Jetzt musst du mich zu den Sonnleitners gehen lassen, damit ich dir beweisen kann, dass ich kein Stubenhocker bin!"

Die Mutter starrte ihn verblüfft an.

"Ach, setz dich hin, du Hitzkopf! Ich hab’s nicht so gemeint", murmelte sie. "Schau doch, wie’s draußen stürmt!"

Sie hatte Recht.

"Na schön", gab Dieter nach. "Aber zur Strafe musst du jetzt auch etwas dichten ¾ etwas Prim... Prim... Primtimives."

"Etwas Primitives meinst du wohl!" Die Mutter lachte.

"Genau so etwas. Da, los geht’s!" Dieter knallte Zettel und Bleistift vor sie hin. Ein paar Augenblicke lang guckte sie verwirrt drein, dann griff sie nach dem Bleistift, überlegte kurz und schrieb:

"Dieter dichtet primitiv,

weil zu Silvester er verschlief."

"Gemeinheit!", beschwerte sich Dieter. Er nahm der Mutter den Bleistift weg und schrieb unter die zweite Zeile: "Mutti kann es auch nicht besser." Dann forderte er sie angriffslustig heraus: "So, mach darauf einen Reim!"

Die Mutter wollte schon aufgeben, aber Dieter setzte sich neben sie und half ein bisschen weiter. Nach ein paar Minuten hatten sie gemeinsam sechs Zeilen geschafft:

"Dieter dichtet primitiv,

weil zu Silvester er verschlief.

Mutti kann es auch nicht besser ,

dichtet höchstens alte Fässer.

Mit Klebestreifen geht’s im Nu.

So   d i c h t e t   sie die Fässer zu!"

"Das ist wirklich primitiv!", lachte die Mutti. Sie schien richtig munter geworden zu sein und ließ sich dazu überreden, noch ein paar "primitive" Zeilen zu reimen. Dieter half eifrig mit, und bald kicherten und lachten die beiden miteinander wie schon lange nicht mehr.

"So eine Hetz!", dachte Dieter. "Jetzt ist Mutti fast so wie Schorschis Mama!"

Es sollte noch besser kommen!

Zum Buch "Die Steckenballbande"

Weitere Gedichte und Geschichten von Toni Traschitzker

 
ZUR HOMEPAGE VON TONI TRASCHITZKER - ÜBERSICHT

STECKBRIEF

BÜCHER GESCHICHTEN & GEDICHTE TIPPS FÜR ELTERN & LEHRER SPIELE BÜCHERWERKSTATT
LESERMEINUNGEN BESTELLUNGEN ZITATE & SPRÜCHE LESUNGEN BASTELSEITE NEUES & TERMINE
ZUM FRICK VERLAG